Hoch-/Klettertour Zinalrothorn (4221 m)

28./29./30. Juli 2007
Bilder von Marcel Stalder
Bericht von Urs Fäh

Zu ungewohnt früher Stunde trafen wir uns im Zürcher HB und traten die lange Anreise nach Zermatt an. Nach einer beinahe endlos anmutenden Anfahrt spuckte uns die Schneckenpost schliesslich in diesem touristenverseuchten Krachen aus. Doch bevor wir die Kitschkulisse endlich hinter uns lassen konnten, galt es noch einige lebenswichtige Einkäufe wie Zigarretten und Sonnenhut zu tätigen. Als wir uns dann endlich in Bewegung setzten, suchten sechs Augenpaare vergeblich nach gelben Wegweisern. Diese sind in Zermatt nämlich in braun gebeiztem Holz gehalten, damit sie sich besser ins Orts- und Landschaftsbild einfügen. Dieses Täuschungsmanöver hielt uns selbstverständlich nicht davon ab, den Weg in die Rothornhütte zielstrebig in Angriff zu nehmen.

Anfänglich führte uns der Aufstieg gemächlich über Wiesen und durch kühle Waldstücke, um dann unversehens in die Triftbachschlucht einzumünden. Nach einer kurzen Einkehr im Hotel du Trift hatte dann schliesslich auch die Sonne ein Einsehen mit uns und zog sich dezent hinter einer schützenden Wolkendecke zurück. Nichtsdestotrotz forderte der restliche Aufstieg über steilen Moränenschutt bis zur Rothornhütte seinen Tribut.

In der brechend vollen Hütte blieben vorerst zwei Schlafplätze auf unserem Lager unbelegt (wie wir erst später erfuhren, war diese Seilschaft gleichentags am Obergabelhorn zu Tode gestürzt). Als wir uns bereits über die dadurch gewonnene Fläche ausgebreitet hatten, liess sich dann aber doch noch eine italienische Seilschaft in unserem Schlag nieder und wertete die Umgebung mit lauten Schnarchgeräuschen nachhaltig auf.

So kam es schliesslich einer Erlösung gleich, als uns der Wecker um drei Uhr aus einem unruhigen Dämmerschlaf riss. Nachdem wir einige Scheiben trockenen Brotes hinuntergewürgt und eine Schale Pulverkaffee gebodigt hatten, stapften wir in die dunkle Nacht hinaus und seilten uns an. Noch schlaftrunken querten wir das Gletscherplateau unterhalb des Eseltschuggen und gelangten über den Kamin des Wasserlochs auf ein Felsband. Über Schneefelder und Geröll stiegen wir zügig voran bis die Spur auf einen Grat eimündete. Wir folgten diesem allmählich schmaler werdenden Grat, bis uns ein markanter Block den Weiterweg versperrte. Über Platten und Schneefelder gelangten wir schliesslich zur linken Begrenzungsrippe des Couloirs. Dieser Rippe entlang stiegen wir in Fels und Eis hoch, bis wir die „Gabel“, eine markante Scharte im SW-Grat des Zinalrothorns, erreichten.

An dieser Stelle hätte eigentlich die Felskletterei beginnen sollen. Da an diesem Tag aber unzählige Seilschaften unterwegs waren und die wenig oberhalb gelegene Biner-Platte zum Kreuzungspunkt von auf- und absteigenden Seilschaften mutierte, begann hier eine ellenlange Warterei. Diese wurde durch einen bissigen Wind erschwert, der uns arg in die Knochen fuhr. Zu allem Übel verhängte sich noch das Partieseil einer abseilenden Seilschaft, was unter den Frierenden einigen Unmut hervorrief. Darob erzürnte sich der Seilschaftsführer derart, dass er in seiner Wut mit auf der Felsplatte knirschenden Steigeisen und ungesichert, wie einst Rumpelstilzchen, ein Tänzchen aufführte. Dabei stiess er Schimpfwörter aus, deren Abdruck im Vereinsheft eines ehemals katholischen Bergclubs nicht angebracht wäre.

Nach diesem Intermezzo schickten wir uns an, mit vor Kälte schlotternden Beinen die Biner-Platte zu überwinden. Wir erstiegen auch den folgenden Absatz und gewannen so den Zugang zum Südwestgrat. Dieser bot zwar abwechslungsreiche aber auch ziemlich ausgesetzte Blockkletterei. Glücklicherweise verhinderte die starke Bewölkung allzu dramatische Tiefblicke und regulierte dadurch meinen Blutdruck auf ein erträgliches Mass. Nach einer letzten, unschwierigen Querung erreichten wir schliesslich den zerklüfteten Gipfel des Zinalrothorns. Dort verbrachten wir jedoch nicht viel Zeit und stiegen, begleitet von Graupelschauer und starkem Wind, auf der Aufstiegsroute zur „Gabel“ ab.

Mittels Abseilen durchs Couloir und der anschliessenden Querung von Platten und Schneefeldern gelangten wir zum schmalen Grätchen. Es folgte nun ein langer, anstrengender Abstieg über Geröll und aufgeweichte Schneefelder zum Wasserloch. Wegen der langen Warterei anfangs der Biner-Platte war denn auch die Zeit schon ziemlich fortgeschritten. Kurz unterhalb des kleinen Kamins begrub dann auch Jörg seine letzte Hoffnung, an diesem Tag den letzten Zug noch zu erreichen, im matschigen Schnee. So verbrachten wir eine zusätzliche Nacht in der Rothornhütte und stiegen am Montagmorgen bei guten Verhältnissen nach Zermatt ab. Die Gedanken an die wunderschöne Tour vom Vortrag liessen mich die Müdigkeit und die schmerzenden Füsse vorübergehend vergessen.

Den Tourenleitern Marcel Stalder und Carin Antweiler gebührt ein ganz herzliches Dankeschön für die umsichtige und kompetente Führung dieser anspruchsvollen Tour. Es war ein ganz tolles Erlebnis.