27.2.-5.3.2011 Tourenwoche Oberes Vinschgau Niklaus Bernet
Teilnehmer 10 Damen, 6 Herren (inkl. TL)

Bericht von Niklaus Bernet

Glurns, das kleinste Städtchen Südtirols, liegt malerisch im oberen Vinschgau. Für uns lag Glurns ideal, weil sich von dort aus sternförmig mehrere Täler verzweigen, welche lohnende und schneesichere Skitouren bieten. So konnten wir Touren im Rojen-, im Langtaufers-, im Münster- und im Suldental unternehmen.
Nach einem verhaltenen Beginn mit Schneefall und Nebel am Montag steigerte sich die Woche von Tag zu Tag und endete auf dem Höhepunkt mit der 3378 Meter hohen Suldenspitze. Von der über 1500 Höhenmeter nach Sulden hinunter führenden Pulverschneeabfahrt werden die Teilnehmer/innen noch lange schwärmen. Der Tourenleiter übertreibt nicht!
Während der ganzen Woche wurden wir von den beiden Bergführern Stephan Andres und Wilfrid Oberhofer begleitet, die ihre Aufgabe ausgezeichnet lösten.

Durchgeführte Touren:
Montag: Piz Chavalatsch Pt. 2442m
Dienstag: Grionkopf 2896m
Mittwoch: Glockhauser 3021m
Donnerstag: Piz Chazfora 2783m
Freitag: Suldenspitze 3378m
Samstag: Piz Buffalora 2630m

Bericht von Irene Guntern

Organisation: Niki Bernet
Technische Leitung: Bergführer Stefan Andres + Wilfried Oberhofer der „Globo Alpin“


Sonntag – Sechs Herren und 10 Damen reisen per ÖV via Zernez und Ofenpass nach Glurns. Die Schneegrenze liegt bedenklich hoch; schon vom Münstertal aus können wir das dank freier Sicht in die Glurnser-, Malser- und Matschertal-Gegend feststellen. Unsere beiden Bergführer werden sich ab morgen darum kümmern, selber sind wir nur für das Fitsein zuständig! Beim Willkommens-Apéro lernen wir diese Herren dann kennen; sie werden uns kompetent und mit einem guten Quantum Humor durch die Woche führen.

Wie wir es von Niki gewöhnt sind, hat er alles gut organisiert und wir können bei Ankunft direkt die individuell gestalteten Zimmer im Hotel „Grüner Baum“ am Stadtplatz von Glurns beziehen. Dies schenkt uns ein paar freie Stunden vor dem Abendessen. Bis dann haben wir bereits einiges über dieses nette Städtchen erfahren: mit seinen 800 Einwohnern ist es die kleinste Stadt Italiens.


Montag – „Piz Chiavalatsch“ (2.764m) Auf der Stilfserjochstrasse müssen vor unserer Abzweigung zuerst Schneeketten montiert werden. Dank effizienter Teamarbeit verzögert sich die Weiterfahrt nur kurz. Es schneit ganz leicht und oberhalb des Valatsches Parkplatz beginnen wir unsern Aufstieg in zwei Gruppen auf ca. 1700m. Bereits liegen 15cm Neuschnee: ein wunderbarer Anfang unserer Tourenwoche in einem schneearmen Winter. Allerdings wissen wir bereits, dass auf Morgen gutes Wetter vorhergesagt ist. Die Sichtverhältnisse werden aber zusehends schlechter, es muss schon in 25cm Neuschnee gespurt werden und die beiden Bergführer beraten über den Weiterverlauf der Tour. Nach ca. 700m Aufstieg befinden wir uns 300m unterhalb des Gipfels. Vor uns wäre die steilste Schlüsselstelle zu passieren, was bei dieser schlechten Sicht nicht empfehlenswert ist: bei Punkt 2400m wird die Tour abgebrochen. Die kurze Abfahrt im Neuschnee ist genussvoll.

Wir besuchen das kleine Dorf Stelvio (Stilfs). Zeitlich sind wir früh dran, also geniessen wir die lokalen Spezialitäten im gemütlichen Gasthaus. Feiner Apfelstrudel steht für den Rest der Woche auf unserer Wunschliste. Vor der neubarocken Dorfkirche befindet sich ein Brunnen mit in Stein gehauenen Reliefen von Alltagsszenen, geschaffen vom Vinschgauer Künstlerpaar Lara und Daniel, das eine Weile in diesem Dorf lebte.


Dienstag - „Grionkopf“ (2896m) Heute steigen wir bei Postkarten-Wetter von Rojen (1935m) aus auf. Wifis Gruppe macht sich auf die direkte Route zum Gipfel, während wir mit Stefan zuerst zur „Hintern Scharte“ (2.702m) aufsteigen, um dann die interessante Überschreitung zum Hauptgipfel zu machen. Auf unserm rund 1000m Aufstieg kommen wir flott voran; rechts flankiert vom „Inneren Nockenkopf“ und in unserm Rücken steht der imposante „Zwölfer“. Beide Gruppen treffen zeitgleich am Ziel ein. Die breiten Hänge gehören bei der Abfahrt nur uns. Jeder hat seine eigene Idee von der perfekten, geschwungenen Linie. Ideale Schneeverhältnisse. Was für ein toller Tag!


Mittwoch – „Glockhauser“ (3021m) Lange Täler sind charakteristisch fürs Vinschgau. So fahren wir heute ins Langtauferstal und beginnen hinten in Melag (1912m) den sonnigen Aufstieg. Ein schmaler Streifen Schnee führt uns zuerst über eine Wiese, dann ein sprudelndes Bächlein und zu guter Letzt auf einen Alpweg. Zum Glück nimmt die Schneemenge stetig zu, bis die Neuschneemenge so hoch ist, dass wir direkt froh sind, zuerst in den Spuren einer andern Gruppe folgen zu können. Wir sollen sie dann bei ihrem Halt überholen und von dort ab ist es Stefan, der eine Spitzkehren freie Spur in 25cm Neuschnee zieht. Nichts schöneres, als keine Menschenseele vor sich zu haben. Wir fühlen uns wohl in dieser Einsamkeit. Der steile Gipfelanstieg verlangt uns dann doch noch ein paar Spitzkehren ab.

Der Blick vom Gipfel aus in ein Meer von Bergen ist ein grandioses Erlebnis. Ein Adler erfreut uns mit seinem mühelosen Kreisen. Einen Augenblick nur lässt er sich auf einem Felsvorsprung nieder, hebt ab und segelt weiter. Kurz sehen wir noch seinen Schatten an der Felswand, dann entzieht er sich unserm Blick. Auch wir sind bereit zum Weiterziehen. Den sonnigen Aufstieg müssen wir heute leider mit einer eher harten Schneedecke bezahlen, doch Stefan findet immer wieder einen Pulverschneehang der zum Vergnügen einlädt.

Auf der Heimreise machen wir einen kurzen Halt am Reschensee und schauen das Miniaturprofil des versunkenen Dorfes mit umliegenden Weilern an. Der aus dem See ragende Kirchturm bleibt der einzige Zeitzeuge eines traurigen Geschehens, das ein halbes Jahrhundert zurück liegt und viele Menschen betraf, die sich ein neues Zuhause suchen mussten. Wir verlassen den Ort betroffen.


Donnerstag – „Piz Chazforà“ (2783m) Schlechtes Wetter im Vinschgau; wir weichen ins angrenzende Val Müstair aus und werden dort mit Sonne empfangen. Es soll die letzte Tour mit Stefan sein, denn ab morgen hat er neue Gäste. Von Fuldera Daint aus beginnen die 1150m Aufstieg. Im steilen Wald gewinnen wir schnell an Höhe und befinden uns schnell in offenem Gelände. Kurzer Halt auf der Alpe Sadra; die Fotografen entdecken die schöne Holzarbeit mit Gockel und Henne. Armes Federvieh – in dieser Kälte! Auf dem Gipfel ist es windstill; wegen eines gefrässigen Kolkrabens wird die Mittagspause ausgedehnt. Das Wetter ist inzwischen noch klarer geworden und die Abfahrt wird zum wahren Genuss. Bei einer Verschnaufpause beobachten wir einen Bartgeier – ein Meister der Lüfte!

Über die Schweizer Grenze zurück im Vinschgau, kehren wir in Taufers ein. Im Vinschgau beginnt heute die Fasnacht – bunt gekleidete Menschen beleben die Strassen und Plätze auch in Glurns. Eine Gruppe von „Abtrünnigen“ zog heute eine kleine Reise nach Meran unserer Tour vor.

Nach dem Abendessen lädt uns der Besitzer des Hotels, Herr Manfred Bachmayer, zu einer Besichtigung „seines“ Städtchens ein. Seine Familie ist zur Zeit der Reformation aus der Schweiz ausgewandert und seither in Glurns ansässig. Als engagierter Bürger, kann er uns viel Interessantes erzählen Zum Besuch der Galerie mit Werden von Paul Flora, einem kürzlich verstorbenen einheimischen Künstler mit sehr viel Humor, reicht es dann doch nicht. Um den ereignisvollen Tag zu beschliessen, mischen wir uns unter die Einheimischen im kleinen Restaurant um die Ecke. Sie scheinen alle vom Jassfieber gepackt zu sein!


Freitag – „Suldenspitze“ (3384m) Rene, ein blutjunger und gesprächiger Bergführer von Prad, ersetzt Stefan. Da wir unterwegs ins Suldental durch Prad fahren, erklärt er uns gleich, dass dort noch die einzige „Tschurtschen-Mühle“ Italiens betrieben wird. (Allerlei Baumzapfen werden in dieser grossen Mühle gemahlen und die Samen zur Wiederaufforstung verkauft.) Ja, wenn einer eine Reise tut - und sei’s nur auf den Skis - dann kann er was erzählen…!

Heute, am letzten Tag, sind unsere beiden Gruppen wieder vollzählig. Die Gondelbahn spuckt uns auf 2610m aus; der Aufstieg beginnt. Das Wetter könnte nicht besser sein und es herrschen beste Pulverschneeverhältnisse. Wer am Spuren ist, hat Schwerarbeit zu leisten, liegen doch 40-50cm Neuschnee. Auf den haben wir schon den ganzen Winter gewartet! Wir freuen uns sehr auf die Abfahrt. Die letzten paar Meter steigen wir ohne Skis zur „Suldenspitze“ auf. Hier ist es total windstill. Beeindruckendes Panorama. Die „Königsspitze“ ist in Griffnähe und mein Nachbar erzählt mir im Detail, wo der seinerzeitige Aufstieg für ihn und die andern Bergclübler durch ging. Ich bewundere ihre Leistung. Ausser den vielen Gipfeln geht unser Blick auch zum Haider- und Reschensee. Rundherum ein atemberaubendes Panorama. Die Abfahrt ist einmalig: selber habe ich noch nie zuvor solchen Schnee erlebt. Man kann sich einfach hinstellen und alles passiert mühelos. Einmalig, so ein toller Abschluss dieser in jeder Beziehung gelungenen Tourenwoche.


Samstag – „Munt Buffalora“ (2630m) Es ist keine offizielle Tour vorgesehen, aber unter Ursulas Führung steigen wir zu Dritt die 600m von der Buffalora auf. Danke, Ursula, es war wirklich sehr schön und wir kamen auch so noch viel zu früh in den Nebel zurück.

Im Namen aller Teilnehmer geht an dieser Stelle ein grosses „Dankeschön“ an Niki für die gute Organisation und dass Du uns in einem sehr schönen Hotel an bester Lage untergebracht hast – auch die Küche war sehr gut; an unsere Bergführer Stefan, Wifi und Rene für ihre erstklassige Leitung und das unterhaltsame Unterwegssein; allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen für die Unterstützung unterwegs und die vielen netten Gespräche zwischendurch.

Bilder von S.Buss, T.Bruderer, H.Richner