22. Jan. 2011 Brichplanggenstock Peter Rothenbühler
Teilnehmer 6 Damen, 14 Herren (inkl. TL)

Bericht von Peter Rothenbühler

Vom Oberalppass über Alp Tiarms hoch zum Steinmannli, weiter die Westflanke des Val Val (Tgombras) traversierend durch steiles Gelände ins Hochtal Garvers über den Steilhang zum Brichplanggenstock. Ums Giuvstöckli herum ins Val Giuv, Abfahrt über Mulinatsch bis Dieni.

Bilder von Martin Kessler

Bericht von Max Gergey

Die Bühne für grosses Theater öffnet sich dem Zuschauer so: In Göschenen zeigen sich die ersten Bergspitzen in der Wintersonne; am Oberalppass ist es dann klar: ein herrlicher Tag beginnt. Über Alp Tiarms hoch zum Steinmannli bei Pt 2324. Weiter die Westflanke des Val Val (Tgombras) traversierend durch steiles Gelände ins Hochtal Garvers. Bei Pt 2561 dann rechts rauf in den Steilhang Richtung Brichplanggenstock. Ums Giuvstöckli herum ins Val Giuv, Abfahrt über Mulinatsch bis Dieni.

Das ist in sehr nüchterner Form der Nährboden für tausend Geschichten an diesem denkwürdigen Tag.

Legende
GROSSBUCHSTABEN: Schlüsselstellen
[eckige Klammern]: Herstellerinformationen

Obwohl sonst kein Hauch am Himmel zu sehen ist, streift uns kurz vor Tgombras eine Nebelschwade. Im Val Val soll ja der berüchtigte ROTE WICHEL umgehen… ob er kurz gekommen ist, um zu schauen, wer ihn in seiner winterlichen Ruhe stört?
In der SEHR SCHIEFEN TRAVERSE angekommen, stellen wir fest, dass wir zum Glück an der Grenze zwischen „mässig“ und „erheblich“ gehen, denn es geht rechts sehr erheblich runter. Umso bemerkenswerter, weil die obere Schneedecke in der SEHR SCHIEFEN TRAVERSE doch eher einem Griess als einem Pulver ähnlich ist. Der rutschende Kügeli-Schnee wird uns den ganzen Aufstieg lang nicht loslassen („traue keinem Talski“).

Im SEHR LIEBLICHEN HOCHTAL angekommen können wir dann endlich durchatmen, bevors die MAUSEFALLE … ähm, nein, richtig: den WIRKLICH STEILEN GIPFELHANG hochgeht. Und der hats in sich: Spitzkehrentraining mit Harscheisen auf rutschendem Griessschnee. Dafür in strahlender Sonne! Manch einer bewegt sich an der Brichplangge wie etwas weiter östlich und 5000 m höher. Puls 175 (das hört sich so an: toctoctoctoctoc), zehn Schritte, Pause, zehnmal Luft holen, Spitzkehre, und dann das ganze von vorne… aber es hat keinen Wind, und die Sonne und die mit jedem Meter prächtigere Aussicht lässt einen die Strapazen vergessen.

Und dann Freude pur oben auf dem BLOCKIGEN GIPFEL. Die paar Blöcke bilden die perfekte Kulisse für atemberaubende Rundblicke bis hin zum Finsteraarhorn, und für Fotos von erleichterten und hocherfreuten Tourengänger/innen. Aber der Blick tief hinunter an den Fuss des HUNDSCHOPFS … ähm, nein, richtig: WIRKLICH STEILEN GIPFELHANGS lässt erahnen, dass die Freude heute etwas ungleich verteilt ist… der ROTE WICHEL scheint einen Kameraden am Wickel gepackt zu haben. Aber hören wir doch in Telefongespräche rein:

SCHNEESCHUHSNÖBER: „Hallo Jungs, auf dem ***-Griessschnee finde ich mit meinen ***-Schneeschuhen so was von gar keinen Halt.
[MSR gratuliert Ihnen zu Ihrem neuen Produkt. Verwenden Sie Ihre Lightning Schneeschuhe nie in sehr steilen Traversen. Ihr Produkt ist trotz besten Testberichten nicht für den Gebrauch im Wintersport geeignet.]
Was sollen wir tun?“
ROTER WICHEL (das Handynetz hackend, und Stimme verstellt als: JUNGS): „Geht ruhig weiter, oben wird’s viel besser.“

Eine halbe Stunde später:
SCHNEESCHUHSNÖBER: „Hallo Jungs, was soll denn das, es ist nicht besser geworden. Zurück durch die Traverse bringts nicht, ich muss jeden Schritt fünfmal stampfen und bin schon ziemlich platt. Was sollen wir tun?“
ROTER WICHEL (das Handynetz hackend, und Stimme verstellt als: JUNGS): „Schlagen Rückkehr auf einer schnellen Variante vor: geht bis Pt 2367 und dann links durchs COULOIR DES SCHRECKENS hinunter ins Skigebiet.“
SCHNEESCHUHSNÖBER: „Ah fein, klingt schnell und easy, das machen wir.“

Nun gibt’s also zwei Schauplätze mit erstaunlichen Parallelen auf unserer Tour:
SCHNEESCHUHSNÖBER mit SOZIALEM BEGLEITER: Kampf um jeden Meter und Suche um Halt im COULOIR DES SCHRECKENS, verzweifeltes Greifen auf allen vieren in Eis, Fels und keinem Schnee, sprich Gras. Schwindende Kräfte, Entschluss zur Rückkehr, Runterkämpfen durch Nebel und aufkommende Dunkelheit.
SKIFAHRENDER REST: Kampf um jeden Meter durchs Val Giuv, verzweifeltes kräfteraubendes Umspringen im schlimmsten KREUZBANDRISSIGEN BRUCHHARST. Ein einziges Runterkämpfen durch Nebel und aufkommende Dunkelheit. [Dies ist die offizielle Version des SKIFAHRENDEN RESTS. Sehr wichtiger Hinweis: Dies ist zugleich die einzige Version, welche dem SCHNEESCHUHSNÖBER und seinem SOZIALEN BEGLEITER gezeigt werden darf!]
[Für alle anderen die inoffizielle Version: Wunderbar weicher Pulverschnee im ganzen Val Giuv, mancher meint: CANADA!, anderthalb Höhenkilometer reinste Freude und Wonne; Wettkämpfe um die längste Hanggirlande, bis die Oberschenkel brennen, Jauchzen und Frohlocken allenthalben!]

Unten in Dieni angekommen sitzt der SKIFAHRENDE REST beim Apéro in einer Bar mit schriller alpiner Musikbeschallung. Wo wohl unsere Freunde stecken mögen?
Anruf aufs Handy des SOZIALEN BEGLEITERS: keiner geht ran.
[Apple gratuliert Ihnen zu Ihrem neuen Produkt. Verwenden Sie Ihr iPhone 3GS ausschliesslich im Temperaturbereich von +10° bis +30° Celsius. Ihr Produkt ist trotz Hangneigungsmesser nicht für den Gebrauch im Wintersport geeignet.]
Die Hälfte unserer Gruppe entscheidet sich zu einer spontanen Suchaktion und wählt den Rückweg über den Oberalppass. Mit Handy-Taschenlämpchen ausgerüstet steigen wir aus dem Zug und wollen unseren Kameraden auf der Aufstiegsspur entgegengehen. Aber hallo! Gerade sind der SCHNEESCHUHSNÖBER und der SOZIALE BEGLEITER dem ROTEN WICHEL entkommen und haben am Pass abgeschwungen. Unter dem Gelächter der übrigen Passagiere klettern wir alle zusammen wieder in unser Abteil und freuen uns, dass alles gut gekommen ist. Wir winken dem ROTEN WICHEL zum Abschied und fahren voller Geschichten, müde und glücklich nach Hause.