17. Apr. 2010 Rottällihorn Kurt Zberg

Bericht von Max Gergey

Eines frühen Morgens, im Tal. In den Häusern in der Stadt und den umliegenden Dörfern verzehren die Gefährten schweigend ihr frühes Mahl. Sie schliessen die letzten Schnallen ihrer wehrhaften Rüstungen und streichen mit dem Daumen ein letztes Mal prüfend über die stählernen Kanten ihrer Gerätschaften. Dann verabschieden sie sich kurz und geistesabwesend von ihren Liebsten.

An den verabredeten Treffpunkten steigen sie in ihre eisernen Wagen, gezogen von hunderten von Rössern. Durch unheimliche, die Hügel und Berge durchbohrende Löcher und schroffe Schluchten gelangen sie nach Realp, zum letzten Dorf am Fusse des Berges. Froh, dass am Himmel kein Wölkchen zu erspähen ist, buckeln sie die Geräte und marschieren los durchs noch schattige und kühle Witenwasserental. Alles ist ruhig – bis plötzlich! wie aus dem Nichts, eine Horde Hunde kläffend den Abhang bezwingt. Es ist Cerberus, der Höllenhund, in tausendköpfiger Gestalt. Er zieht zwei Schlitten über den Schnee, darauf wilde, bärtige Gesellen, johlend und mit der Peitsche knallend. Die Gefährten stiebend auseinander, halten ihre Stöcke schützend vor sich. Cerberus scheint heute leer auszugehen – aber was ist das? Im Vorbeigalopp wird Elisabeth die Tüchtige von seinem glühenden Schwanz getroffen. Sie kippt um und bleibt liegen, die Geräte schrecklich verhakt. Mit letzter Kraft und unter peinigenden Schmerzen richtet sie sich auf, aber es ist sofort klar: der Berg hat sein erstes Opfer gefunden, die Gefährten werden die Tüchtige mit Proviant versorgen und zurücklassen müssen. Zum Glück liegt ihr Biwakplatz bereits in der wärmenden Sonne.

Der beschwerliche Aufstieg beginnt. Über Chäseren und Stelliboden steigen sie immer höher, über sich nur der stahlblaue Himmel, von dem heute keine Gefahr droht: die List der isländischen Sektion mit dem fingierten Vulkanausbruch wirkt, es sind keinerlei Spuren der berüchtigten Flugwagen zu sehen. Weiter geht es, hoch hinauf, der Bergrücken erhebt sich nun steiler. Ungeduld packt die Gefährten, und sie legen neben der gewohnten eine zweite Spur an, um noch schneller vorwärtszukommen. Einige zahlen für die Anstrengungen und müssen abreissen lassen. Endlich erreicht der grösste Teil der Gruppe den Gipfel des Rottällihorns. Aber da: kurz vor dem höchsten Punkt hat sich die elende Krampfhexe auf die Lauer gelegt! Sie erwischt mit ihren gichtigen Krallen Röbi den Robusten. Wäre nicht ein edler Unbekannter zu Hilfe geeilt, wer weiss, ob Röbi jemals wieder von Jungfrauen oder Mönchen hätte träumen können…

Nun aber liegen sich die Gefährten in den Armen und beglückwünschen sich für den Gipfelerfolg. Auf herrlich weichen weissen Hängen rauschen sie dann hinab, jauchzend vor Freude, nur manchmal getrübt von Gedanken an das Schicksal Elisabeth der Tüchtigen – und wahrlich: der Biwakplatz ist verwaist; zwei welsche Medizinmänner berichten, dass sie die Tüchtige mit ihren Essenzien versorgt und dann aus den Augen verloren haben. - Welch überschäumende Freude dann, als sie Elisabeth am Ausgang des Tals vorfinden, müde von der welschen Medikation, aber wohlauf.

Die Gefährten begiessen das glückliche Ende und den herrlichen Tag und verstreuen sich in alle Winde. Abends legen sie ihre Gerätschaften in die Ecke, bereit zur wohlverdienten, monatelangen Ruhepause, und betten sich zur Nachtruhe. Nur Röbi der Robuste, Carin die Anmutige und Martin der Mutige liegen noch wach, wohl wissend, dass ihre grosse Reifeprüfung sie schon bald wieder zusammenführen wird…

Bilder von Martin Kessler